3.0 Rembrandt und das Judentum
Rembrandt lebte von 1632 bis 1636 und von 1639 bis 1658 in der Breestraat, in der Literatur zu- meist Jodenbreestraat genannt, am Rande des späteren Judenviertels der Stadt. Manche Kunsthistoriker meinten, er habe sich dorthin zurückgezogen, um das Leben des Alten Testaments an der Quelle zu studieren.
Man glaubte, etwas von der Farbigkeit dieser Umwelt etwas in seinen biblischen Darstellungen zu entdecken. In Wirklichkeit war jedoch diese Welt ganz anders beschaffen, und so müssen auch seine Gründe, dorthin zu ziehen, anders beurteilt werden.

Die Breestraat war, wie schon der Name "Breite Straße" besagte, eine Straße mit großen hohen Bürgerhäusern. Hier hatten sich - neben Amsterdamer Kaufleuten wie Hendrik Uylenburgh - die erfogreichen Künstler niedergelassen. Später kamen die wohlhabenden unter den flämischen Emigranten und erst danach die Reichen und Vornehmen unter den spanischen und portugiesischen Juden hinzu. (21)

Rembrandts jüdische Umwelt half ihm also nicht, ein historisches Bild von der Welt des Alten Testaments zu gewinnen. So mag wohl nicht die Neigung, in einer malerischen Umgebung, sondern eher der Wunsch im der Umwelt reicher, vornehmer Kaufleute zu leben und neben ihnen als Maler zu bestehen, ausschlaggebend gewesen sein.
Belsazar erblickt die Schrift an der Wand.
Zu Rembrandts Zeit herrscht über die Welt des Alten und Neuen Testaments eine recht ungenaue Vorstellung. Eine bestimmte Auffassung war bei der Gestaltung der biblischen Geschichte maßgebend: man begriff sie als moralisches Vorbild, bzw. abschreckendes Beispiel für das eigene Handeln. Man wollte das eigene Leben analog zur biblischen Historie sehen, sich mit Rollen aus der heiligen und auch beispielhaften profanen Geschichte identifizieren. Von daher wird es verständlich, in wie hohem Maße Rembrandts Belsazar erblickt die Schrift an der Wand. Öl auf Leinwand, um 1635.

Verhältnis zur Bibel ein Persönliches war. Ein Beispiel dafür ist Rembrandts Judasbild. In dem Judasbild begegnen wir einer Analyse der psychischen Qualen eines Missetäters. (23)


Judas bringt die dreißig Silberlinge zurück. Daß es Rembrandt hierbei wirklich um die schrecklichen seelischen Erlebnisse des Verräters ging, belegt die Analyse des Bildes von Constantijn Huygens, die unter den Kunstschriften des 17. Jahrhunderts durch ihre Ur- sprünglichkeit hervorragt. Die folgenden Worte Huygens treffen das Wesentliche des Bildes, so wie wir es auch heute sehen: "..die Gebärde allein des Judas, zu schwei- gen von vielen anderen Motiven in diesem einen Werk, allein, sage ich, dieses empörten, um Gnade flehenden Individuums Judas bringt die dreißig Silberlinge zurück. Öl auf Holz, um 1629.

(der doch gar nicht darauf hofft oder nur im Ansehen die Hoffnung wahrt), sein fürchterliches Antlitz, die zerwühlten Haare, das zerissene Gewand, die verdrehten Arme, die bis zum Bluten ineinandergepreßten Hände, das besinnungslos vorgestreckte Knie, der ganze grausam verkram- pfte Körper des Elenden - das setze ich der gesamten Eleganz von Jahrhunderten entgegen...". (24)

In allen in Darstellungsfolgen erscheinenden Szenen, wie auch in denen, die zu selbstständigen Bildern herausgelöst wurden, wie das letzte Abendmahl, wurde Judas von den Malern vor Rembrandt stets "als ein rothaariger, habgieriger Jude dargestellt, als ein böser Fuchs, dessen häßliche Gesichtszüge der Griffel des Satans gekennzeichnet hat". Ja man begegnet dem Judas mit Teufelshörnern auf dem Kopf. In der Ikonographie vor Rembrandt war Judas ein Sohn der Finsternis. (25)

In dem Kommentar zu Matthäus XXVII, 3 in der holländischen Statenbijbel wird ausdrücklich gesagt, daß Judas' Reue keine richtige und gültige war. (26)
Mit diesem Bilde Rembrandts wurde dieser Sohn der Finsternis in seinen Leiden erfahrbar, er wurde zum menschlichen Wesen.

Um 1636 lernte Rembrandt den einflußreichen jüdischen Schriftgelehrten Rabbiner Menasseh ben Israel, mit dem ihn bald eine Freundschaft verband, kennen. Das führte zu einem tieferen Ver- ständnis des mosaischen Glaubens und der Juden bei Rembrandt. Die Freundschaft mit Menasseh war für Rembrandt schon deshalb wertvoll, weil er ihn bei schwierigen Textauslegungen befragen konnte. So wird Rembrandt sich, als er Ende der dreißiger Jahre ein erzählerisches Motiv aus dem apokalyptischen Buch Daniel behandelte, an Menasseh gewandt haben. Die Geschichte, die für Rembrandts Themenwahl durchaus typisch ist, schildert, wie der König Belsazar die aus dem Tempel geraubten Geräte auf einem bacchantischen Fest entweiht und plötzlich eine Hand gewahrt, die an die Wand "Mene mene Tekel Upharsin" schreibt. (27)

Nach seinem Konkurs hat Rembrandt sein Haus in der Jodenbreestraat und damit auch seine reichen jüdischen Nachbarn verlassen müssen. Diese Juden hatten ihm keineswegs ein farbenprächtiges Bild von der alttestamentarischen Welt vermittelt. Wohl aber hatten sie ihm bewußt werden lassen, daß die Nachfahren Israels Menschen wie alle anderen waren. (28)



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