1.4 Zur sozialen Situation der Künstler um 1640
Die holländischen Maler lebten zumeist in so kärglichen Verhältnissen, daß viele der größten ge- zwungen waren, neben ihrem künstlerischen Beruf noch andere Verdienstquellen zu erschließen. So handelte van Goyen mit Tulpen, Hobbema betätigte sich als Steuereinnehmer, van de Velde war Inhaber eines Leinwandhauses, Jan Steen und Aert van de Velde waren Kneipenwirte.

Ja, die Armut scheint im allgemeinen umso größer gewesen zu sein, desto bedeutender sie waren. Rembrandt hat wenigstens auch seine guten Tage gehabt, Frans Hals dagegen war nicht besonders beliebt und erzielte nie die Preise, die man zum Beispiel für ein Porrtrait eines van der Helst bezahlte.

Rembrandt mit dem Hut beim Zeichnen.
Doch nicht nur Rembrandt und Hals, auch Vermeer, der dritte führende Maler Hollands, mußte mit materiellen Sorgen kämpfen. Und die beiden anderen größten Maler des Landes, Pieter de Hooch und Jacob van Ruisdael, wurden von ihren Zeitgenossen auch nicht besonders geschätzt. Sie gehörten keinesfalls zu den Künstlern, die ein behagliches Leben führten.(11)


Schon im 16. Jahrhundert war die Kunstproduktion in Holland sehr groß. Allein in Antwerpen sollen um 1560 mehr als dreihundert Meister mit Malerei und Graphik beschäftigt gewesen sein - während die Stadt nur 169 Bäcker und 78 Fleischer hatte.


Rembrandt mit dem Hut beim Zeichnen, 1648.

Im 17. Jahrhundert geschieht es zum ersten Mal in der Geschichte der abendländischen Kunst, daß wir eine Überzahl von Künstlern und die Existenz eines Kunstproletariats feststellen können. (12)

Die Preise auf dem Kunstmarkt waren in Holland im allgemeinen sehr niedrig - für ein paar Gulden konnte man schon ein Gemälde kaufen. Ein gutes Portrait kostete zum Beispiel sechzig Gulden, als man für einen Ochsen neunzig zahlte.

Jan Steen malte einmal drei Portraits für siebenundzwanzig Gulden. (14)
Rembrandt erhielt für die Nachtwache, auf der Höhe seines Ruhms, nicht mehr als 1.600 Gulden, und van Goyen erzielte für seine Ansicht vom Haag 600 Gulden als den höchsten Preis seines Lebens. Mit was für Hungerlöhnen berühmte Maler sich begnügen mußten, zeigt der Fall Isaak van Ostades, der einem Kunsthändler im Jahre 1641 für siebenundzwanzig Gulden dreizehn Bilder lieferte. (15)
Rembrandt beim Radieren.
Im Verhältnis zu den oft übertrieben hohen Preisen, die man für die Werke von Künstlern zahlte, die Italien besucht hatten und in der italienischen Manier arbeiteten, waren die in der heimisch, naturalistischen Art gemalten Bilder immer billig. Frans Hals, van Goyen, Jacob van Ruisdael, Hobbema, Albert Cuyp, Isaak van Ostade und Pieter de Hooch erzielten nie hohe Preise. (16)

In den Ländern mit einer höfisch-aristrokratischen Kultur wurden die Künstler besser bezahlt. Gleich im Schwesterland erhielt Peter Paul Rubens für seine Bilder viel höhere Beträge als die beliebtesten holländischen Maler. Er berechnete in seiner besten Zeit hundert Gulden für einen Tag Arbeit. (17)

Von Phillip II. bekam er für sein Aktäon 14.000 Francs, den höchsten Preis, der vor der Zeit Ludwigs des XIV. für ein Bild erzielt wurde. (18)

Die Prosa und Trockenheit, Phantasiearmut und Herzensenge, die jedes Kaufmannsregime kennzeichnet, war auch die Signatur Hollands. Und das Milieu in dem diese Kunst aufgewachsen ist, hat ihr jenen Charakter von grandioser Alltäglichkeit aufgedrückt, der sie
Rembrandt beim Radieren, 1658.
in den meisten ihrer Vertreter zu einem Phänomen zweiten Ranges macht. (19)

Die Langweiligkeit, Schwunglosigkeit und rechnerische Korrektheit nüchterner, ehrbarer Großkrämer, die sich alles recht ordentlich und stattlich wünscht, aber alles überflüssige und Extravagante ängstlich vermeidet, zeigt sich am deutlichsten in dem öden Geschäftsstil der Architektur, zum Beispiel am Amsterdamer Rathaus, das lange Zeit für ein Meisterwerk der Baukunst galt. (20)



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