Im 17. Jahrhundert dreht sich alles um Gott, seine Gebote und das Seelenheil. Alles verkündet die
grausame Verlassenheit des Menschen. Zum Leiden des materiellen Lebens kamen die Qualen des Geistes.

Das Ende der Welt ist gekommen und die
apokalyptischen
Reiter trampeln ihre Opfer nieder. Der Tod reitet ein
klappriges altes Pferd, die Not schwingt die Waage, die Krankheit hebt das Schwert und der Krieg spannt den
Bogen.
Die Gesellschaft des 17. Jahrhunderts, eine ständische, hierarchisch geordnete Gesellschaft, deren
Struktur im Mittelalter wurzelte, entsprach der Ordnung der aristotelischenPhysik und des geschlossenen
Kosmos.
Der Himmel des 17. Jahrhunderts jedoch erfuhr die radikalste Umwandlung. Das Universum
des
Kopernikus,

(1473 -1543), schematisch dargestellt
von dem englischen Ma-
thematiker
Leonard Dig- ges,
revolutionierte die Astronomie,
weil es die Sonne statt der Erde
in den Mittelpunkt stellte.
Vom Kosmos des
Pto- lemäus,
seiner Astrono- mie und der aristote-
lischen Physik, der bis
Universum des Kopernikus
"Die apokalyptischen Reiter". Ausschnitt aus
einem Holschnitt von Albrecht Dürer, um 1497.
um 1620 - 1630 bestand, für die Ungebildeten sogar noch bis nach 1680, zum grenzenlos erfüllten
Kosmos eines
Descartes,
zum dualistischen und unendlich leeren Kosmos eines Newton, das war ein Wandel, wie er absoluter nicht
denkbar war.

Die dramatische Umwälzung vollzog sich in der Zeit zwischen 1620 und 1690, als alles zerbrach, um in
ungeheuerlichen Dimensionen für den modern denkenden Menschen neu geboren zu werden.
Bewußt oder unbewußt, unabhängig von regionalen Faktoren oder persönlichem Stil,
brachten Künstler und Denker mehr oder weniger offen die tragische Spannung ihrer Zeit zum Ausdruck.
Der Kupferstich von
Albrecht Dürer,
"Der verlorene Sohn", soll inmitten von Schweinen auf einem verfallenen Hof das Ringen der Menschen jener
Zeit um eine neue Beziehung zu Gott symbolisieren.
Denn sobald die Erde nicht mehr als der Mittelpunkt des Weltalls gelten konnte, galt auch der Mensch nicht
mehr als der Sinn und das Ziel der Schöpfung.
Damit war nicht nur die Vorstellung von der Willkür Gottes, sondern auch die vom Vorrecht des Menschen
auf göttliche Gnade und seinen Anteil an der überweltlichen Existenz Gottes erschüttert.
"Der verlorene Sohn als Schweinehirt".
Kupferstich von Albrecht Dürer, um 1496.