Das ausgehende 16. Jahrhundert stand im Zeichen der sozialen Umschichtung, die durch rasches wirtschaftliches
Wachstum sowie der explosiven Ausdehnung des europäischen Handels zum Welthandel bedingt war. Damit
verbunden war der Austieg des Bürgertums, die Stärkung aristokratischer Strukturen durch Einheirat
oder Beteiligung an Unternehmen der reichen Bourgeoisie und einer Ständegesellschaft im 17. Jahrhundert.
Der Stand war durch die Herkunft festgelegt und jeder Stand hatte seine Privilegien.

Der erste Stand: die Kirche, also Kardinäle,
Erzbischöfe, Bischöfe, Patriarchen.
Als zweiter Stand: der Adel,
aus Hochadel, niedrigem Adel, aber
auch aus Amtsadel, Justiz- und Finanzbeamten,
die in den Adelsstand erhoben wurden,
bestehend. Im dritten Stand: Kaufleute,
Theologen, Juristen, Mediziner, Apotheker,
Juwe- liere. Unter den Kaufleuten standen
die Handwerker. Das gemeine Volk
unterteilte man in Bauern und die unter ihnen
stehenden Arbeiter.
Das Bürgertum gehörte ver-
schiedenen Bildungsschichten
Die Vorsteher der Amsterdamer Tuchmacherzunft
("De Staalmeesters") 1662. Ausschnitt. Amsterdam, Rijksmuseum.
an. Bettler und Vagabunden stellten die unterste Stufe dar.
Die Holländer waren das erste große Handelsvolk der Neuzeit. Der verlustreiche Kampf der Niederlande
gegen die spanische Despotie endete mit der vollen Anerkennung ihrer Unabhängigkeit.
Nun hatte dieses Volk endlich die Freiheit seine ebenso bewundernswerten wie unsymphatischen Gaben voll zu
entfalten. Sie erinnern in ihrem harten und platten Materialismus, ihrem listigen und skrupellosen Erwerbsegoismus
und ihrer turbulenten, verotteten Oligarchie an die Phönizier. Sie verdankten ihre wirtschaftliche
Übermacht ebenso wie diese dem Umstand, daß sie in der Entwicklung des merkantilen Denkens den
anderen Völkern voraus waren - und sie konnten ihre Vorherrschaft aus den gleichen Gründen
nicht dauernd behaupten: ihrem emsigen und zähen Ringen fehlte es an einer höheren Idee und daher
an wirklicher Lebenskraft. Außerdem waren sie an Kopfzahl viel zu gering, um auf die Länge die halbe Welt
beherrschen und aussaugen zu können. (7)
Dem eigenen altmodischem Wirtschaftssystem war es zu verdanken, daß der Reichtum dem städtischen,
mittelalterlich zergliederten, in den Kategorien der wirtschaftlichen Isolierung und Autonomie denkenden
Bürgertum und nicht dem Staat und der Dynastie zugute kam.
Und so wie überall, wo sie zu Einfluß gelangte, bedrückte sie auch hier sowohl die Lohn- arbeiterschaft
als auch das sich aus selbstständigen , aber mittellosen, Handwerkern und Krämern zusammengesetzte
Kleinbürgertum. (8)

Die Kultur stand damals in Holland zweifellos auf einem
höheren Niveau als im übrigen Europa. Die Universitäten
genossen internationalen Ruf, besonders Leiden galt
als die hohe Schule der Sprachforschung, der Staatswissenschaften
und der Naturkunde. In Holland lebten und
wirkten
René Descartes und
Benedict de Spinoza, die
berühmten Philologen Heinsius und Vossius, der große
Rechtsphilosoph Grotius, der Dichter Vondel, dessen
Dramen in der ganzen Welt nachgeahmt wurden.
Während sonst überall der Analphabetismus noch
weit verbreitet war, konnte in Holland fast jedermann
lesen und schreiben und holländische Bildung und Sitte
waren so hochgeschätzt, daß man in der höheren Gesellschaft
nur für voll galt, wenn man von sich sagen konnte,
man sei in Holland erzogen, civilisé en Hollande. (9)
Die Kunst Hollands ist rein bürgerlich. Der Bürger will
in erster Linie sich selbst gemalt sehen, sich und was ihm
das Leben lebenswert macht: seine Familie, seine Geschäfte,
seine Festlichkeiten, seine Genüsse. Also:
Einzelportraits und Grup- penbilder, auf denen die ganze
Verwandschaft
Rembrandts Mutter (?). Windsor Castle.
halb schüchtern, halb patzig Modell steht.
Schützenstücke, gravitätische Ratskollegien, Ver- einssitzungen, Bankette. Protzige Interieurs
und verführerische Stilleben mit gemütlichen Hausrat, bunten Topfpflanzen, kostbarem Tafelgeschirr,
Weinflaschen, Fischen, Schinken, Wildbret und all den übrigen Dingen, womit dieses Volk von fetten
Schlemmern sich das Dasein schmackhaft zu machen wußte.
Außer diesen Gegenständen, die sich alle auf der Verlängerungslinie seiner eigenen Per-
sönlichkeit befinden, pflegt den Bürger nur noch die Anekdote zu interessieren: saftig erzählte
Familienszenen, Raufereien, Sportberichte, komische oder schauerliche Charaktergemälde, alles
nachdrücklich auf die Pointe abgestellt, die man möglichst breit und deutlich ablesen will.
Daher kommt es denn auch, daß in Holland jene Maler den größten Publikumserfolg hatten, die
fleißig und banal genug waren, ihre Produktion auf einen einzigen Artikel einzustellen:
Paul Potter
war Spezialist für Rinder,
Philips Wouwerman
für Schimmel, Melchior d'Hondecoeter für
Geflügel,
Willem van de Velde
für Schiffe,
Jan van Huysum für Blumen, Abraham van Beijeren für
Austern, Hummer und Früchte,
Pieter Claesz für feines Silberzeug. Kurz: die ganze
niederländische Pinselkunst ist, einige wenige, von niemand verstandene Große ausgenommen, ein
einziger großer Hausschatz und Bilderbogen, ein Unterhaltungsbuch und Familienalbum. (10)